Ich weiß nicht genau, wann es bei mir angefangen hat. Es gab keinen bestimmten Morgen, an dem ich aufgewacht bin und beschlossen habe, von heute an nur noch das zu tun, was ich möchte. Wahrscheinlich war es eher ein langsamer Prozess, der sich über Jahre entwickelt hat.
Aber irgendwann bemerkte ich, dass ich immer seltener das Bedürfnis hatte, mich zu erklären. Warum ich etwas mache. Warum ich etwas nicht mache. Warum ich noch immer große Pläne habe. Warum ich bestimmte Menschen nicht mehr in meinem Leben haben möchte.
Früher hätte ich für vieles eine lange Erklärung geliefert. Heute denke ich bei manchen Dingen einfach: Es ist mein Leben. Das ist Grund genug.
Vielleicht gehört genau das zu den schönsten Veränderungen, die das Älterwerden mit sich bringen kann. Nicht, dass uns plötzlich alles egal wird. Sondern dass wir endlich beginnen zu unterscheiden, was uns wichtig sein sollte – und was nicht mehr.
Viele Frauen lernen sehr früh, angenehm zu sein. Freundlich, verständnisvoll, hilfsbereit, kompromissbereit und möglichst unkompliziert. Wir sollen selbstbewusst sein, aber bitte nicht zu selbstbewusst. Erfolgreich, aber nicht einschüchternd. Und vor allem sollen wir niemanden enttäuschen.
Also sagen wir Ja, obwohl wir Nein meinen. Wir übernehmen Aufgaben, obwohl unser Kalender längst voll ist. Wir entschuldigen uns für Entscheidungen, für die eigentlich keine Entschuldigung notwendig wäre. Manchmal entschuldigen wir uns sogar dafür, dass wir Grenzen haben.
Das Verrückte daran ist, dass man dieses Verhalten irgendwann gar nicht mehr bemerkt. Es fühlt sich normal an. Bis zu dem Moment, in dem man sich selbst fragt, warum man eigentlich ständig erschöpft ist.
Ich habe gelernt, dass ein Nein keinen langen Absatz braucht
Das war für mich eine der schwierigeren Lektionen. Wenn ich etwas nicht wollte, hatte ich früher das Gefühl, eine gute Begründung liefern zu müssen. Ein einfaches Nein erschien mir beinahe unhöflich. Also erklärte ich, entschuldigte mich, relativierte und versuchte sicherzustellen, dass der andere meine Entscheidung trotzdem sympathisch fand.
Eine Grenze wird nicht richtiger, nur weil ich sie in zehn freundliche Sätze verpacke.
Das heißt nicht, rücksichtslos zu werden. Ich möchte weiterhin freundlich sein, Menschen respektvoll behandeln und mich entschuldigen, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Freundlichkeit und Selbstaufgabe.
Ich darf helfen, ohne immer verfügbar zu sein. Ich darf jemanden lieben und trotzdem Nein sagen. Und ich darf einen Raum verlassen, in dem ich ständig kleiner werden muss, damit andere sich größer fühlen.